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Schönheit liegt im Auge des Betrachters oder weshalb andere nicht schuld an unseren Gefühlen sind

Heute hatte ich ein lustiges Erlebnis. Vor ein paar Wochen ist mein zweites Buch auf dem Markt erschienen. Ein Arbeitsbuch das Menschen dabei unterstützen soll, sich bewusst darüber zu werden, wer sie sind und was sie ausmacht, welche berufliche Tätigkeit und welche Arbeit- oder Auftraggeber ideal für sie sind und was sie brauchen und tun sollten, um ein zufriedenes Leben zu führen.

 

Da es kein Buch zum Lesen, sondern ein Buch zum Durcharbeiten / Reinschreiben ist, schien es mir am passendsten, es im Self-Publishing-Verfahren zu erstellen. Um die Kreativität der 'Leser' zu fördern, habe ich es von einer professionellen Illustratorin - Sina Cristiano aus Freiburg - illustrieren lassen. Und Sina voll Stolz ein Exemplar zugeschickt als ich es dann endlich in Händen hielt.

 

Die reagierte jedoch nicht mit Begeisterung, sondern zu meiner Überraschung ganz anders als ich es gedacht hatte: "Mir ist sofort die schlechte Qualität der Bilder aufgefallen. Beim Einbinden der Illustrationen muss was schief gelaufen sein. Anders kann ich mir die verpixelte Auflösung nicht erklären. Vielleicht ein Verknüpfungsfehler. Ruf' mich doch mal bitte zurück!" schrieb sie mir in einer Email.

 

Im Gespräch wurde dann klar, was ihren Frust ausgelöst hatte: Ihre Illustrationen sahen wie 'ausgefranst' aus. Statt aus klaren Strichen schienen sie aus lauter kleinen Punkten zu bestehen. Auch die Farben waren nicht eindeutig, sondern 'gemischt', z.B. innen pink und drum rum schwarz. Ihr Profi-Urteil: "Total verpixelt, so kann man das nicht lassen."

 

Ich hingegen hatte ganz andere Gedanken als ich die 'ausgefransten' Figuren und die 'gemischten' Farben sah: "Das sieht ja toll aus! Scheint ein ganz besonderer Zeichen-Stil zu sein. Wie die Sina das nur hingekriegt hat! Was für ein schöner Anblick! Das war eine super Entscheidung, sie mit den Illustrationen zu beauftragen." Entsprechend glücklich war ich mit meinem Buch. 

 

Warum erzähle ich dieses Erlebnis? Weil daran eine ganz wichtige Voraussetzung für psychische Gesundheit deutlich wird: Andere Menschen freizusprechen von Schuld an unseren Gefühlen. Andere Menschen triggern uns, aber sie sind nicht schuld an unseren Gefühlen! Denn sonst müssten wir immer dann, wenn wir dasselbe sehen oder erleben, exakt dieselben Gefühle haben. Das haben wir aber nicht, wie mein Beispiel zeigt:

 

Sina und ich haben exakt dasselbe Buch angeschaut: 'Mein Lebensschiff'. Sina hat der Anblick des Buchs frustriert, während ich total happy war. Sina war deshalb frustriert, weil sie dachte, dass die Illustrationen verpixelt sind und das nicht professionell ist. Ihr Bedürfnis nach Schönheit war nicht erfüllt. Ich hingegen war total glücklich damit, weil ich dachte, dass die Illustrationen außergewöhnlich aussehen und kreativ sind. Mein Bedürfnis nach Schönheit war sehr erfüllt. Ergo: Unsere Gefühle entstehen in uns selbst! Durch unsere eigenen Assoziationen, Interpretationen und Bewertungen.

 

Wenn du dich also mal wieder über etwas oder jemanden aufregst, mache dir bewusst, welche Gedanken du über diese Sache / Person hast. Und ob jemand anderes vielleicht ganz anders über diese Sache / Person denken würde. Überlege dir z.B. wie dein Chef, deine Kollegin, dein Vater, deine Oma oder dein kleiner Sohn darüber denken würde. Das kostet dich ein paar Minuten Zeit - die gut investiert ist, weil du durch diesen gedanklichen Perspektivwechsel aus der verbreiteten "Mir geht es schlecht, weil DU..." Falle aussteigst und die damit verbundene gefühlsmäßige Abwärtsspirale stoppst. Probiere es aus!